Mittwoch, 8. Mai 2024

IATF24 - Training wird überbewertet

Hallo Leute,

ich hatte Frauchen ja hoffnungsfroh für ihren 5. Start beim Innsbruck Alpine Festival angemeldet. Böse Zungen und üble Nachrede behaupten, nur weil ich scharf auf Tiroler Leckereien sei ... das stimmt ja gar nicht! Aber wenn ich schon mal da bin, verspeise ich natürlich sehr gern einheimische Kost!

In den Monaten seit der Anmeldung hatte ich ein Deja Vu nach dem anderen:

  • Gemeldet für den Trail-"Halbmarathon", genannt K25, also wie immer statt von 21,1 von rund 25 km auszugehen. Und die Werte wechselten munter, sowohl was die Distanz als auch was die Höhenmeter betrifft. Zum Schluss standen da 25,7 km mit 800 Höhenmeter hoch und 1.200 runter. Die natürlich wieder ziemlich zu Beginn, und am Schluss. Übrigens, der Sprecher am Start war auch so verwirrt von diesen Zahlen, er nannte mal "26,4 km to go", mal "25 km sind zu bewältigen" ....
  • Das Wetter spielte verrückt, eine Woche vorher lag bis runter Schnee, und die Wettervorhersage prognostizierte Kälte und Dauerregen am Renntag.
  • Dachte ich, dass das Training 2023 schon suboptimal verlief, dann wurde ich dieses Jahr eines Besseren belehrt: längster langer Lauf 2 Stunden und 17 km. Keine Bergaufenthalte vorher, also keine Höhenluft gewöhnt.

Also beste Voraussetzungen, 2024 krachend zu scheitern. Frauchen überlegte sich sogar recht lange, ob sie überhaupt starten wolle. Ich redete ihr zu, dass sie (wenn es nicht regnet, wohlgemerkt) doch starten solle, und in Kranebitten bei der Hälfte der Strecke aussteigen könne. Dann würden Herrchen und ich sie dort einsammeln ... (wobei ich natürlich den sinistren Plan hatte, telefonisch nicht erreichbar zu sein, sodass sie halt dann weiterlaufen müsse, hehehe).

Also: Anreise Freitag durch sehr tiefhängende Wolken. Immer mal Regen. Stammhotel in Innsbruck wollte uns in ein Katzenzimmer stecken. Vollgejammert und angefleht sowie dezent deutlich darauf hingewiesen, dass wir jedes Jahr kämen, nun zum 5. Mal,  direkt buchen (nicht über eine Booking-Plattform, das wurde uns ja quasi als Grund für das Katzenzimmer unterstellt), und dann bekamen wir ein besseres, ruhigeres, mit Aussicht. Bei Abholung der Startunterlagen schon der erste Schock: sehr lange Schlangen. Ja, wieviel Starter sollten es denn dieses Jahr sein? Bisher war das doch immer recht überschaubar mit maximal ein paar Hundert je Distanz ... Das Startersackerl war auch recht mager gefüllt gegenüber früher, das schöne Shirt muss man dazu kaufen (ist aber wirklich superschön, die Wildlife-Serie):

Dann kam der Samstag. Wetterumschwung. Kaiserwetter: sonnig, mittags über 20 Grad. Also hier keine Ausrede mehr für Frauchen. 

Start sollte dieses Jahr in Mutters sein, der gebuchte Shuttlebus (die fuhren alle 15 min. und man musste sich vorher auf die Uhrzeit festlegen) sollte 9:50 Uhr fahren. Es wurde 10, es wurde 10 nach 10, kein Bus in Sicht, Auch der 10:05-Shuttle war nicht da, wir Läufer stapelten uns langsam am Einstiegspunkt. Endlich kamen zwei Busse, nochmal warten, weil sie wegen eines Falschparkers nicht um die Kurve kamen, dann einsteigen. Hurra, ich hatte den letzten Sitzplatz ergattert! Notklappsitz. Es wurden aber weiter Läufer reingestopft, bis es sich anfühlte wie Tokio oder London U-Bahn zur Rush Hour. Bei der Fahrt den Berg hoch sah man auch gleich, warum die Busse eine solche Verspätung hatten: Unmengen von entgegenkommenden oder die enge Straße zuparkenden Wagen. Naja, so hatten wir im Gegenatz zu früher keine so lange Wartezeit vor dem Start. Kurz die Aussicht auf die Nordkette  fotografieren, dann ging es schon in den Startbereich.




 Und das war der Hammer: 1.200 Starter. Ganz ehrlich, das ist zu viel. Hier muss eine Obergrenze her, das sagte der Organisator auch schon. Mit dem "Final Countdown" wurden wir losgeschickt, allerdings wegen der hohen Starterzahl erstmals in 3 Wellen. Effektiv ging es für mich also erst um 11:45 Uhr los. Steil die Straße von der Mutters Bergbahn-Talstation runter. Blöde Witze um mich herum "ist es noch weit?" "sind wir bald da?" Haha. Solche Typen hasse ich. Dann der erste Anstieg: ich ging und durfte mir gleich wieder dumme Kommentare anhören. Ab dem zweiten Anstieg gingen übrigens noch sehr viel mehr Läufer ... und einer von den "Angebern" (vorher rumgetönt: "naja, so 2,5 Stunden werde ich wohl brauchen") hatte später ein DNF da stehen. 

An der ersten Verengung auf einen Waldweg gab es dann prompt einen Stau und Gerangel - wie gesagt, zu viele Starter auf so einer Strecke. Im Auf und Ab ging es dann Richtung Birgitz, als Zuschauer immer mal wieder Schafe, einmal Kühe, einmal Strauße. Ups, was war das denn? Da hatte sich wohl einer einen Spaß erlaubt? Ein ca. 5 Meter hoher Stapel aus Baumstämmen lag kreuz und quer über den Weg. Nasse Baumstämme. Rutschige Baumstämme. Ich halte ja immer meine Wasserflasche in der Hand, also nur eine Hand zum Festhalten frei. Außenherum ging es 45 Grad matschig die Böschung ca. 10 Meter hoch, und auf der anderen Seite wieder runter. Kurzes Abwägen, was gefährlicher für die jetzt schon durch das Bergab-Rennen müden Beinchen wäre - und dann halt über die Stämme geklettert.

Den Weg ab Birgitz kannte ich ja nun schon. An der Verpflegungsstelle schnell ein paar Tomaten geschnappt und dem gerade vor Ort weilenden Organisator Alex Pittl auch einfach mal für dieses tolle Trail-Event gedankt. Dass er das seit 2016 realisiert mit seiner Mannschaft und mit viel Herzblut.

Den fiesen Waldpfad runter Richtung Völs, dann am Inn entlang. Und prompt wieder in die Fotopoint-Falle getappt. Gerade noch ausgekaut und schnell den Riegel mit der Hand verborgen:


 Ich will ja endlich mal vernünftig und rasant aussehende Fotos von mir! Müssig zu sagen, dass ich inzwischen schon einen größeren Teil der Strecke ging statt lief. Aber aufgegeben werden nur Briefe, also in Kranebitten wieder Tomaten gefasst, Wasser aufgefüllt und dann weiter. Holla, Abzweigung verpasst, ich war Richtung Zirler Berg unterwegs, wie mir eine nette Spaziergängerin mitteilte. Umgekehrt und die richtige Abzweigung genommen.

Ich weiß ja nicht, was psychisch mehr runterzieht: wenn man die Strecke nicht kennt und nicht weiß,wie lange es diesen vermaledeiten Anstieg noch hochgeht, oder man genau weiß, wie lange es diesen vermaledeiten Anstieg noch hochgeht! Und wie letztes Jahr auch wieder sengende Sonne, kein Schatten. Oben angekommen (250 Höhenmeter, die sich wie 1.000 anfühlen) aus meiner kleinen Reißverschlusstasche oben am Trailrucksack, in der Personalausweis, DAV-Ausweis und Krankenversicherungskarte steckten, die Salztablette rausgenestelt. Dabei noch gedacht "aufpassen, dass nichts rausfällt". Tja. (Spoiler: beim Auspacken im Hotel war der Perso weg. Rennleitung angerufen, Infopoint aufgesucht. Nichts abgegeben. Nochmal mit dem Auto nach Kranebitten gefahren. Und nochmal rund 150 Höhenmeter bis zu der Stelle, die man natürlich nicht mit dem Auto erreichen konnte, hochgestiegen. Kein Perso. Am Montag Abend zuhause nochmal die anderen Karten geprüft. Da war er ja! Durchs Schwitzen so fest und deckungsgleich mit dem DAV-Ausweis verschmolzen, dass man ihn vorher weder bemerkte noch er abtrennbar war. Ich schwankte zwischen Erleichterung und "was bin ich eigentlich für ein blindes Huhn"! Die Beinchen fanden jedenfalls das nochmal da hochsteigen gar nicht witzig,)



 Ab dieser Stelle dann relativ ereignis- und auch gewitterlos (im Gegensatz zu 2023) Richtung Höttinger Bild, die Beine jaulten, ich machte ihnen Mut. Strecke sei ja mehr oder weniger eben. Dumm nur, dass dieses Jahr noch eine Schikane vor der Verpflegungsstation Höttinger Bild eingebaut war: steil einen Trampelpfad hoch, und dann noch steiler, quasi freier Fall, wieder runter. Keine lange Strecke, vielleicht 200 Meter, aber die tun weh! Vor allem mit der Angst, dass es einen hinhaut. Insgesamt habe ich 3 Verletzte im Verlauf der Strecke gesehen, die medizinisch versorgt wurden. 

Jetzt hieß es gemütlich anhalten, Wasserflasche korrekt (!) entsorgen, Geheimwaffe Cola light-Flasche herausholen, Rucksack umpacken. Und dann wieder los. Neuer Fotopoint am einem munteren Gebirgsbach mit pittoreker Brücke. Und ebenso pittoreskem Läufer, der unbedingt minutenlang Selfies dort machen wollte - mich winkte er freundlich vorbei, aber dass er mein Bild "versaute" - das kam ihm wohl nicht in den Sinn:


Ab da ging es dann mehr oder weniger abwärts, den üblichen Beine mordenden Weg an Hungerburg vorbei runter, vorbei am Alpenzoo und hinab zum Inn. Jedes Jahr gefürchtet, dieses Jahr  icht ganz so schlimm empfunden - wahrscheinlich, weil dieses Jahr meine Beine schon lange vorher nur noch wehgetan haben. Ich war jedenfalls erstaunt, wie verhältnismäßig gut ich dort runterkam, und auch dann noch an der Europa-Allee tatsächlich so etwas Ähnliches wie einen Zielspurt hinlegen konnte.
 

Wir waren auch total baff, dass Frauchen viel früher als avisiert auftauchte! Sie hatte 4:30 als Zielzeit im Blick, nun war sie über 10 min früher da! Natürlich hatte Herrchen mich dann noch nicht parat, und das mit dem Fotografieren müssen wir wohl auch noch mal üben ... Frauchen war ziemlich unwirsch, ihren "Zielspurt" (hahaha, Zieleinhoppeln wäre wohl die korrektere Bezeichnung) unterbrechen zu müssen und abzubremsen, bis Herrchen mich aus seinem Rucksack nestelte. Dann konnte ich endlich aufspringen und finishen:

Ich liebe es, wie mir die Zuschauer auf den letzten Metern zujubeln. Die wissen ja nicht, dass ich nicht die ganze Strecke mitgelaufen bin ...

Für die Zahlenfreaks: 4:16:23,8 und damit 439. von 471 Damen. Und noch 17 Männer hinter sich gelassen. 35. Dame in ihrer Altersklasse, die bei den Jungspunden ab 50 Jahren beginnt. Mein Maßstab ist ja immer, ob die schnellste Dame mehr als 50 % von Frauchens Zeit gebraucht hat - da war dieses Mal Frauchen langsamer, die Siegerin brauchte unglaubliche 2:01:04,41! Sagen wir mal so: für das sehr wenige Training und das Rumtrödeln auf der Strecke war es ein super Ergebnis, normalerweise hätte ich aber ein Zeit unter 4 Stunden erwartet!

Abends stärkten wir uns noch mit Tiroler Tris und Sachertorte:


Über den Mega-Muskelkater breite ich jetzt mal den Mantel des Schweigens ...

Wir hoffen, dass der Veranstalter seine Ankündigung wahrmacht und Starterobergrenzen einführt. Ansonsten ist das IATF immer einen Start wert! Schade nur, dass wir meine Bluesky-Bekannten Sebi (110 km) und Micha (85 km) nicht persönlich getroffen haben. Megastarke Leistung von beiden!

Bis  bald Euer Iwan








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